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{Weihnachten mit allen Sinnen} Sehen & Tasten

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Zur Weihnachtszeit planen wir oft außergewöhnliche Themenwochen. Dieses Jahr wollen wir Weihnachten mit allen Sinnen erleben. Diese Woche starten wir mit der Schulleiterin Claudia Theobald der Louis-Braille-Schule in Lebach, wo (unter anderem) Blinde Lesen, Schreiben, Rechnen und alles Andere lernen.
In der folgenden Woche geht es um den Hörsinn – und wie man die Gebärdensprache spricht.

Wir unterstützen die Louis-Braille-Schule mit 500 €.

Inhalt:

Das schwarze Buch der Farben

Das schwarze Buch der Farben – lesen und fühlen.

Unsere außergewöhnliche Stunde startet mit einem außergewöhnlichem Buch. Das schwarze Buch der Farben ist… schwarz. Ein bisschen weißen Text gibt es, aber sonst ist das Buch völlig schwarz. Denn es gibt Menschen auf der Welt, die nichts oder nur sehr wenig sehen – und ihr Leben ganz normal leben. Aber weil die meisten anderen Menschen mit Farben arbeiten, stellt sich die Frage: Wie kann man sich Farben vorstellen, ohne dass man den Sehsinn benutzt?

Schwarze Bilder im schwarzen Buch der Farben

In dem Buch geht es um Thomas, der sich die Farben vorstellt, ohne sie sehen zu können. Mit dem, was er fühlen kann. Mit dem, was er riechen und schmecken kann. Mit dem, was er hören kann. Und das Buch zeigt das ganz gut: Die Bilder sind schwarz-glänzend, zum Nachfühlen und zum Anschauen. Und wenn man ganz genau nachfühlt oder genau hinschaut, findet man auf den Seiten auch kleine Punkte. Diese Punkte, lernen wir später, sind Teil der Braille-Schrift, die Blinde lesen können.

Farben umschreiben

Als Übung gleich am Anfang haben sich die Kinder selbst überlegt, wie sie sich die Farben vorstellen würden. Hier zwei Beispiele:

Wie kann man verschiedene Farben beschreiben, ohne den Sehsinn zu benutzen?

Die Farbe Rot riecht wie eine Rose, schmeckt wie ein Erdbeereis, hört sich an wie Herzpochen und fühlt sich an wie Liebe.

– Jolie
Rund? Orange? Glänzend? Macht mal die Augen zu, wie kann man die Orange noch beschreiben?

Gelb riecht wie Zitrone, schmeckt wie ein Banane, hört sich an wie ein Zitronenfalter und fühlt sich an wie die Sonne.

– Kira

Wir lernen Braille

Schulleiterin Theobald erklärt Bürgermeister Peter Lenehrt die Bogenmaschine.

Braille wurde 1829 veröffentlicht und wird heute weltweit (mit Abwandlungen für verschiedene Schriftsysteme) verwendet. Wir durften selbst an die Schreibmaschine und konnten sehen, wie man damit schreibt.

Mit der Punktschriftmaschine schreiben wir unsere Namen in Blindenschrift.

Dann ging es an die Übung! Jeder sollte wenigstens seinen Namen in Braille schreiben können. Ein Buchstabe nach dem anderen… und schon fertig.

Auch der Bürgermeister lernt die Punktschrift kennen.

Bei der „Punktschriftmaschine“ wurde es interessant. Auf einer Schreibmaschinen- oder Computertastatur findet man alle Buchstaben nebeneinander aufgereiht, aber hier findet man nur neun Tasten:

  • Eine Taste für jeden der 6 möglichen Punkte
  • Eine Leertaste in der Mitte
  • Eine Eingabetaste ganz links
  • Eine Rücktaste ganz rechts
  • Zusätzlich: Wagenrücklauf, für den Zeilenumbruch
Wir lernen, wie man mit einer Punktschriftmaschine schreibt.

Ihr möchtet auch Braille lernen? Hier ist eine Tabelle zur Einführung. Versucht doch mal, euren Namen zu schreiben!

Buchstabe Braille Buchstabe Braille
a n
b o
c p
d q
e r
f s
g t
h u
i v
j w
k x
l y
m z
Gar nicht so einfach – stellt auch der Bürgermeister fest.

Weihnachtskarten für die Sinne

An dieser Stelle hätten wir euch gerne unseren tolle Weihnachtskarten gezeigt, aber wir waren so begeistert vom Thema, dass wir einfach nicht weggekommen sind. Unser Plan war eigentlich, ein weihnachtliches Fühlerlebnis, ähnlich wie im Buch, auf Weihnachtskarten zu bringen. Dazu hätten wir Muster auf die Fotokartonkarten geprägt.

Karten für Sehende und Seheingeschränkte basteln? Mit einer Prägemaschine lassen sich fühlbare Muster in Papier eindrücken.

Auch ohne Prägemaschine und Prägemuster besteht die Möglichkeit, selbstgestaltete Muster zu prägen. Als Untergrund nimmt man sich eine mittelweiche Oberfläche, wie Umzugskarton oder Gummimatten. Darauf legt man das Papier oder den Fotokarton. Es gibt zwei Optionen:

  • Drückt Stellen gezielt ein. Dazu können z. B. Buchstaben aus Papier herausgeschnitten werden und durch das Loch im Papier „malt“/drückt man mit einem stumpfen Stift oder dem Ende eines Pinsels. Tipp: Masking-Tape zum Befestigen des Papiers an die zu prägende Unterlage.
  • Dünne, aber feste Objekte auf die Karte legen, z. B. Halsketten, dünne Holzteile, festere Schnur. Anschließend eine Platte darüber legen. Schließlich mit einem Nudelholz über die Platte walzen.

Wer für Seheingeschränkte Karten prägen will, sollte auf klar definierte Linien und eindeutige Muster achten, zu viele Details lassen sich schwerer ertasten.

Ein Beispiel für die Prägekarten, mit Schneeflocken als ertastbares Muster

Interview mit Frau Theobald

Wir waren alle total neugierig und hatten viele Fragen. Frau Theobald der Louis-Braille-Schule Lebach hat unsere Fragen unermüdlich beantwortet – einmal nach dem Buch und einmal am Ende der Gruppenstunden.

Bürgermeister Peter Lehnert hört sich interessiert das Interview an.

Teil 1

Lese- und Schreibwerkstatt: Wie sind der denn auf die Idee gekommen, [Braille-Schrift] zu produzieren?
Frau Theobald: Der Louis Braille? Der hat als Kind gesehen und hat sich dann in der Werkstatt seiner Eltern am Auge verletzt. Das hat sich entzündet und dann wurde er auf beiden Augen blind. Aber er wollte immer Lesen lernen, er hat sich immer gedacht, das ist so toll und ich will nicht immer vorgelesen bekommen, sondern will selbst lesen lernen. Da war er auch in Frankreich auf besonderen Schulen, auch in Paris, und dann hat er herausgefunden, dass zu der Zeit die Soldaten sich oft Nachrichten geschickt haben, die man ertasten musste, so wie man das auch mit dem Morsen macht. Daraus hat er dann experimentiert und hat herausgefunden, dass man damit alle Buchstaben darstellen kann. So hat er die Schrift erfunden.
LSW: Ist das wahr?
Fr. Theobald: Das ist wahr. Das ist wirklich so passiert.

LSW: Aber in der Schule gibt es ja Tafeln, und wenn man da was malt, dann sehen die das nicht.
Fr. Theobald: Genau, deswegen haben wir zwar auch Tafeln in der Schule, aber die benutzen wir für den Unterricht mit den Blinden gar nicht. Die bekommen von uns dann wirklich Papier, wie ihr es in dem Buch gesehen habt, wo alles draufsteht. Und es gibt auch […] so wie in dem Buch, wo man die Erdbeeren fühlen kann, gibt’s bei uns auch besonderes Papier, dass man Bilder und Zeichnungen fühlen kann. Da brauchen wir das nicht auf die Tafel zu malen, sondern haben das immer auf Papier auf dem Tisch.

LSW: Habt ihr eigentlich auch die gleichen Fächer wie wir in der Schule?
Fr. Theobald: Ja.
LSW: Und wie macht ihr denn da Mathe?
Fr. Theobald: Mathe ist ganz, ganz kompliziert. Aber das normale Rechnen, was ihr kennt, 3+4 oder 7×8, das kann man auch mit dieser Braille-Schrift schreiben. Aber dann gibt es, wenn man anfangen muss zu zeichnen, wenn man Quadrate, Rechtecke und Kreise zeichnet, da gibt es ganz besondere Folien. Da wird das nicht draufgemalt, mit dem Stift, sondern reingedrückt mit einer Nadel, sodass man auch den Kreis fühlen kann.

LSW: Wie macht ihr denn dann Sport?
Fr. Theobald: Wir haben für Sport eine ganz besondere Halle. Der Boden fühlt sich unter den Füßen unterschiedlich an, sodass die Kinder, wenn sie rennen, merken wann jetzt gleich die Wand kommt. Die Wände sind auch gepolstert und es gibt z. B. Bälle, die haben in der Mitte ein Glöckchen. wenn ich dir einen Ball zuwerfe, siehst du ihn kommen und siehst ihn fangen und wenn ich so ein Glöckchenball einen Blinden zuwerfe, dann hört er ihn kommen und kann ihn fangen. Die lernen also, einen Ball nach Gehör zu fangen und zu werfen.

LSW: Wie macht ihr denn Arbeitsblätter?
Fr. Theobald: Die Kinder machen die Arbeitsblätter selbst, auf der Maschine. Das zeige ich euch gleich, wie das geht, und das dürft ihr dann auch gerne ausprobieren. Und wir Lehrer haben einen Computer und einen ganz besonderen Drucker, der uns das dann in Punktschrift ausdruckt.

LSW: Wie schreibt man eigentlich Zahlen?
Fr. Theobald: Die Zahlen sind die Buchtaben von A bis J und da ist ein besonderes Zeichen vornedran, dass man weiß, wenn dieses Zeichen kommt, dann ist das jetzt kein A, sondern die 1.

LSW: Warum schreibt ihr dann nicht mit den Löchern in unserer Schrift? Wenn die das dann fühlen, merken die das doch auch?
Fr. Theobald: Das ist ganz, ganz, ganz schwierig, weil es ja immer Buchstaben gibt- Erstens schreiben wir ja mit großen Buchstaben und mit kleinen Buchstaben, sodass wir ja nicht 26, sondern 52 Buchstaben lernen müssten. Und dann fühlt man den Unterschied zwischen einem kleinem A und einem kleinen O nicht so schnell und nicht so deutlich. Das ist sich sehr ähnlich. Oder ein kleines B und ein kleines D, die sind sich sehr ähnlich und das kann man ganz schwierig fühlen. Deshalb.

LSW: Habt ihr Schreibschrift?
Fr. Theobald: Nein. 🙂 Es gibt nur die Maschinenschrift, die schreiben auch nicht von Hand.

LSW: Habt ihr Groß- und Kleinschreibung?
Fr. Theobald: Die Kinder lernen am Anfang Groß- und Kleinschreibung, um zu lernen, dass man Namenwörter groß schreibt, ja, da gibt es ein bestimmtes Zeichen für, aber das nimmt ganz viel Platz weg, sodass sie mit der Zeit anfangen nur noch klein zu schreiben.

Christine: Wie lange dauert es denn, bis sie für Buchstaben alles soweit können?
Fr. Theobald: Zwei, zweieinhalb Schuljahre dauert es schon. Deshalb gehen die Kinder auch nicht 4 Jahre bei uns in die Grundschule, sondern 5. […]

Christine: Und wie groß sind die Klassen so?
Fr. Theobald: Bei uns die kleinste Klasse, das sind nur 5 Kinder und in der großen Klassen sind 8 Kinder. Aber auch nicht nur Bilnde immer zusammen, sondern das Blinde und Kinder, die schwierig sehen, größere Schrift brauchen oder ganz besondere andere Geräte brauchen.

„Ich schenk dir eine Geschichte“ als Großdruck

Christine: Und die kommen ja aus dem ganzen Saarland. Das ist wirklich im Saarland die einzige Schule dieser Art, die dann in Lebach ist. Das heißt, für manche ist der Schulweg mit Sicherheit auch ein langer immer, oder?
Fr. Theobald: Ja, wir haben Kinder, die sind eine ganze Stunde mit dem Bus… Also, wir haben Schulbusse, die die Kinder abholen gehen und wieder nach Hause bringen, aber manche sind schon bis zu einer Stunde, morgens und mittags wieder, mit dem Bus unterwegs. Dafür bleiben die Kinder auch ganz lange, wir haben nämlich von 8 bis 15 Uhr für alle Schüler Unterricht.

LSW: Wenn die dann mit dem Bus fahren, wie können die dann z. B. die Treppen hochgehen?
Fr. Theobald: Die blinden Kinder haben einen sogenannten Blindenstock. Das ist wie ein verlängerter Arm, die haben einen Stock in der Hand, den sie vor sich hin- und herbewegen, über den Boden. Und damit spüren sie dann in der Hand und dem Arm, was jetzt kommt. Und dann spüren sie auch, wann eine Treppenstufe kommt, wann sie jetzt das Bein hochmachen müssen, weil die Stufe kommt.

Christine: Wer war denn schonmal am Bahnhof, was gibt es denn da?
Max: Da gibt es immer so Rillen am Bahnsteig und wenn da Rillen kommen, da gibt ein Knubbel am Blindenstock, der dreht sich und da sind so Fugen und Hubbel. Wenn da Hubbel kommen, weiß er, er muss stehen bleiben. Und wenn da Striche kommen, macht er den Stab da rein und geht die Striche entlang. Aber wenn da mal keine Striche sind und da einfach der Abgrund ist, ist der Stab auch ganz wichtig, der Stab sinkt da ja ein. […] Und, das ist bei uns an der Schule auch so, da sind diese weißen Streifen für Blinde, dass auch Blinde, die Erwachsene sind, auch da gehen können. Und wenn man dann keinen Stock hat bei einem Bahnhof und da weitergehen würde, dann würde man bei die Schienen fallen und das wäre sehr gefährlich.
Christine: Das hast du sehr gut erklärt. Die Bushaltestellen werden gerade alle so erneuert. Wo merkt ihr es denn gerade im Straßenverkehr noch, dass es für Blinde auch eine Besonderheit gibt?
LSW: Bei der Ampel. Oder am Zebrastreifen.
Christine: Und viele Ampeln haben ja auch dieses Geräusch.

LSW: Es gibt ja auch Blindenhunde. Wie können die denn den Blinden das zeigen?
Fr. Theobald: Die bleiben dann einfach stehen. Der Hund, der sieht den Weg, der sicher ist und geht den Weg, der sicher ist. Der Mensch hat den ja ganz knapp an der Hand. Und wenn irgendwas gefährlich wird, bleibt der Hund einfach stehen und wenn der Hund stehen bleibt, heißt das für den Menschen, der mit dem Hund läuft auch, bleib jetzt stehen, es wird gefährlich.

Christine: Wisst ihr, was ihr zu Hause machen könnt? Fragt mal eure Eltern, ob ihr an den Arzneimittelschrank dürft und holt euch mal eine Arzneimittelverpackung. Und da werdet ihr irgendwo auch diese kleinen Pünktchen spüren.
LSW: Kann ein Blinder eigentlich auch Fahrrad fahren?
Fr. Theobald: Ja. Geht auch. Ist zwar selten, gibt’s aber auch.

LSW: Welche Abschlüsse kann man den machen?
Fr. Theobald: […] Bei uns direkt an der Schule nur den Hauptschulabschluss.
LSW: Und dann?
Fr. Theobald: Wenn die Kinder dann in die anderen Schulen möchten… Also, das gibt es ja auch, wir betreuen Kinder in normalen Schulen, dann müssen sie entweder nach Neuwied oder Ilvesheim für die mittlere Reife oder nach Marburg fürs Abitur. Die sind dann im Internat.
LSW: Haben schon welche gemacht?
Fr. Theobald: Ja.

LSW: Wie unterscheidet ein Blinder Euros und Cents?
Fr. Theobald: Alle Münzen haben am Rand unterschiedliche Rillen. Beim Euro ist es z. B so, da sind ganz viele feine Rillen drin, durchgehend. […] Beim 20-Cent-Stück sind tiefere Einkerbungen und sonst ist es glatt, beim 2-Euro-Stück ist immer ein Stückchen glatt, ein Stückchen gerillt, ein Stückchen glatt… Und daran fühlen die das.
LSW: Und wie unterscheiden die Scheine?
Fr. Theobald: Da ist mit Blindenschrift drauf, da ist die Zahl. (Kein Braille, nur versch. Muster – Reliefschrift, Rippelungen – A.d.R.) Und an der Größe des Scheins, die sind unterschiedlich groß. […] Es gibt auch Geräte, so kleine Kästchen, da kann man das Stück reinschieben und wenn’s passt, sehen sie’s.

LSW: Wie gehen die einkaufen?
Fr. Theobald: Wie wir auch. Da gibt es auch ganz bestimmte Geräte. Wenn man im Lebensmittelmarkt kaufen möchte und keine Blindenschrift drauf ist, gibt es für Erwachsene Vorlesegeräte zu kaufen. Das ist so ein kleines elektronisches Gerät, das kann der blinde Mensch vor die Konservendose halte und das liest dann vor, was da draufsteht.

LSW: Kann man das Buch da als Blinder gut lesen? Ist es gut produziert?
Fr. Theobald: Ja. Das geht schon. Ja.
LSW: Und auch die Bilder?
Fr. Theobald: Die Bilder… Eigentlich ist da für blinde Menschen zu viel Information drauf. Man macht da meistens nur die Umrisse. Das Innere der Erdbeere, hier, zu ertasten ist schon zu schwierig. […] Das Wichtige, das Ausschlaggebebende, ist die Form der Erdbeere und die zackigen Blätter, das wäre das Einzige, was man einem Blinden zum Tasten geben würde.

LSW: Können Kinder ganz normale Romane lesen?
Fr. Theobald: Ja. In so Büchern, wie ich sie euch gezeigt habe. Diese Bücher kann man auch kaufen. Es gibt in Deutschland eine Bibliothek, die nur Blindenbücher hat. Und wenn man ein blinder Mensch ist, dann darf man sich da auch umsonst Bücher ausleihen. Die werden auch umsonst mit der Post geschickt und wenn man fertig ist, schickt man sie wieder zurück. Und das ganz Lustige ist, wir haben in der Schule ja auch Kinder, die blind sind, wir machen da auch Sachen, die ihr mit Sicherheit auch macht, so Schullandheimaufenthalt oder Klassenfahrten und das ist dann ganz besonders lustig, weil die Blinden dann abends unter der Bettdecke heimlich lesen. Die brauchen ja noch nicht einmal Taschenlampen anzumachen. Das heißt, wir kriegen das gar nicht mit, wenn die abends noch spät in ihrem Buch lesen.
LSW: Da bin ich neidisch.

So sieht ein Buch in Braille aus.

Christine: Wie ist das eigentlich, im Buch ging es ja auch darum, Farben zu umschreiben, sind die neugierig darauf, Farben umschrieben zu kriegen?
Fr. Theobald: Doch, das ist ja im normalen Sprachgebrauch drin. Jeder von uns nutzt ja Farben als Beschreibung. Deshalb ist es so, dass blinde Menschen, blinde Kinder, auch wenn sie von Geburt an blind sind, schon mit Farben konfrontiert sind. Die verbinden das dann ähnlich wie in dem Buch mit ganz besonderen Sachen. Grün wie das Gras oder oft ist es gelb wie die Sonne. Es gibt ja auch viele, die noch ein bisschen Restsehen haben und Farben schon noch erkennen. Nicht nur hell/dunkel, sonder auch ein bisschen Farben. Von daher ist das genauso wichtig. Und: Unsere Schüler sagen auch: „Ich gucke fernsehen.“ Oder: „Ich gucke meine Hausaufgaben nach.“ Das ist für die ganz normal. Die hören Fernsehen, aber sie sagen halt, dass sie gucken. […] Genau, sie könnten auch CDs hören.

Teil 2

LSW: Benutzt man Braille überall auf der Welt?
Fr. Theobald: Ja. Also, jeder Buchstabe hat sein Zeichen, das ist in jeder Schrift so, aber bei uns hat man sich gefragt, ob sie das „au“ immer als A und U schreiben. Es gibt bestimmte Buchstabenkombinationen, die wir Abkürzen, also das „au“, das „ei“, das lange „ie“, das „sch“. Und das ist bei uns natürlich anders als in England, wo zum Beispiel das „th“ so eine besondere Verbindung ist, die gekürzt wird.
Christine: Aber die Chinesen haben ja ein ganz anderes Zeichensystem.
Fr. Theobald: Da bin ich überfragt. Aber ich kann mir vorstellen, dass es mit Eurobraille oder ähnlichem dann besser geht.

LSW: Habt ihr Arbeitsblätter, wo die Hausaufgaben stehen?
Fr. Theobald: Wir sagen ihnen, was Hausaufgabe ist und dann schreiben sie das mit ihrer Maschine selbst auf. Die lernen sich auch ganz viel zu merken. Die hören ja viel besser und können sich Sachen, die sie hören, viel besser merken als wir, sodass wir auch ganz oft einfach diktieren und erzählen und sie schreiben mit.

LSW: Wie lange gibt es schon die Schrift?
Fr. Theobald: Seit 1825, seit Louis Braille sie erfunden hat. Seit ca. 200 Jahren.

Ein Astrid-Lindgren-Braille-Kalender mit Reliefbild

Christine: Während wir noch reden, gebe ich euch das noch herum: ein Astrid-Lindgren-Kalender. Einmal ist da die Blindenschrift, untendrunter ist aber auch normal geschrieben. Das A könnt ihr da ganz gut sehen, mit dem einen Punkt in der Ecke; und die Bilder, die sind dann auch geprägt. Da könnt ihr mal drüberfahren und nachspüren. Und im Kalender unten sind dann auch die Zahlen alle nochmal in der Blindenschrift geprägt. Und hier ist noch eine [Zeitschrift].
Fr. Theobald: Da ist sogar mit der Punktschrift, mit der Braille-Schrift, ein Bild gemalt. Wir haben auch Kinder, die beherrschen die Maschine so genial, die können Tannenbäume, Geschenke, Schmetterlinge quasi malen.

So sieht eine Zeitschrift in Braille aus.

Christine: […] Was man manchmal immer wieder in der Presse liest, […] dass es in Deutschland immer noch viele Orte gibt, wo es schwierig für Menschen mit Behinderung ist, egal welcher Art, Rollstuhlfahrer, Blinde, sich im Alltag zurechtzufinden. Zum Beispiel am Bahnhof, wenn da ein Fahrstuhl kaputt ist, dann ist es so, dass es für einen Rollstuhlfahrer kaum mehr möglich ist, mit dem Zug irgendwo hinzukommen. Wenn Umbaumaßnahmen sind und dieser Streifen funktioniert für Blinde nicht, um zu sehen, da muss ich stoppen, das ist auch eine ganz, ganz gefährliche Situation.
Fr. Theobald: Das fängt ja schon mit dem Fahrplan am Bahnhof an. […] Da könnt ihr nöchstes Mal daran denken, wenn bei einer Verspätung keine Durchsage kommt. Aber ist keiner von euch auf die Frage gekommen, wie Blinde denn Karten spielen, oder sonst spielen? […] Kennt ihr UNO?
LSW: Ja.
Fr. Theobald: Bei UNO fühlt man an den Karten nichts, oder an normalen Kartenspielen. Aber man kann tricksen. Man kann das so machen, dass da auch Blinde mitspielen können. Da könnt ihr mal fühlen. […] Da haben wir nämlich die Karten in die Maschine gespannt und haben für die Blinden die Zahlen und die Farben hingeschrieben.
LSW: Und wie macht man das mit den Zeichen?
Fr. Theobald: Das ist etwas, was wir uns ausgedacht haben. Die Pfeile sind ja auch nur ein Symbol dafür, dass man die Richtung wechselt. Man muss nur erklären, was es bedeutet. […] Und sie können sogar Mensch-ärgere-dich-nicht spielen. Da gibt es nämlich für jede Farbe Figuren, die sich anders anfühlen, sodass ich auch immer weiß, welches meine Männchen sind. Die kann man hier reinstecken, damit sie halten. Jedes Feld hat ein Loch, damit man auch abzählen kann, wie viel ich gehe. Und der Würfel […] kann man fühlen. Gebe ich auch mal rum. […]

Mensch-ärgere-Dich-nicht! für Blinde. Würfel und verschiedene Farben lassen sich ertasten.

LSW: Sind bei den Lehrern auch blinde Lehrer dabei?
Fr. Theobald: Ja, wir haben eine blinde Kollegin. […] Sie ist erblindet Bei ihr war das jetzt super, sie war Gymnasiallehrerin, ist dann erblindet, hat dann die ganzen Fortbildungen selbst gemacht und ist jetzt dann zu uns gekommen als Lehrerin.

Christine: Wie viele Kinder sind denn von Geburt an blind oder stark sehbeeintächtigt?
Fr. Theobald: Die Anteil derer, die erst im Kinder- oder Jugendalter erblinden ist sehr gering. Das sind dann auch eher erbliche Krankheiten, dass das Sehen zurückgeht. [Da weiß man oft schon], dass es durch diesen Geneffekt oder die Krankheit schon irgendwann schlechter wird. Vieles kann dann ja auch heute operativ behoben werden…

LSW: Die müssen bei Mensch-ärgere-dich-nicht ja erstmal fühlen, bevor sie gehen.
Fr. Theobald: Ja, die fühlen das mit der Hand. Die fühlen eine 5, fühlen dann mit der Hand, 1-2-3-4-5 und dann stecken die […] das Männchen wieder rein.
Christine: Dann wäre das Schummeln ja eigentlich leichter. Da braucht man ein Ehrenkodex. 🙂
Fr. Theobald: Ach, beim Kartenspielen, da spielen die meisten Kinder ja schon offen, da sieht man, dass das eine rote 9 ist oder so. Da muss man schon immer Rücksicht nehmen und ehrlich bleiben.
LSW: Und wie spielen die Schach?
Fr. Theobald: Da kann man auch das Schachfeld, die Karos, kann man mit Kreisen und Linien ummalen, sodass man fühlen kann. […] Und die Figuren fühlen sich ja auch anders an, da muss man nichts besonderes machen. […] [Die Farben] kann man durch unterschiedliche Oberflächen machen, das eine gestreift und das andere Punkte drauf, zum Beispiel. […]

500 € für die Louis-Braille-Schule

Christine Sinnwell-Backes hält die 500 € für die Louis-Braille-Schule bereit.

Wir haben einen großen Check vorbereitet. Denn ein Teil des Erlöses vom letzten Bücherflohmarkt geht wie jedes Jahr an eine gemeinnützige Organisation im Saarland. Die Blindenschule in Lebach versucht jetzt auch eine Bücherei einzurichten – mit unserer Spende wollen wir sie unterstützen. 1.000 Bücher haben wir dafür verkauft und wir wünschen Frau Theobald und ihren Kollegen und den Schülern viel Erfolg!

500 € für die Louis-Braille-Schule in Lebach

Wir bedanken uns bei Frau Theobald! Das war für uns ein ganz besonderer Samstagvormittag. Es war ein toller Einstieg in unser „Weihnachten mit allen Sinnen“. Auch nächste Woche kommt eine Schule bei uns vorbei. Wir sind schon sehr gespannt.

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Bis zum nächsten Mal,

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